Abschied von Broadcom: Sechs Virtualisierungsplattformen, die im Praxistest überzeugen
Photo: Tony Webster, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Die Zahl der Anfragen, die bei uns zum Thema VMware-Ersatz eingehen, hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Der Grund ist bekannt: Seit Broadcom die Produktstruktur zusammenstrafft und Lizenzen an Umsatzgrößen koppelt, spüren vor allem mittelständische Unternehmen mit zehn bis fünfzig Hosts massive Preissteigerungen. Was einst ein überschaubarer Budgetposten war, wird zur Verhandlungssache mit Vertriebsmitarbeitern, die kleinere Kunden offenbar nur noch ungern betreuen.
Die gute Nachricht: Der Markt für Virtualisierung ist vielfältiger denn je. Die schlechte: Nicht jede Alternative passt zu jedem Betrieb. Wir haben sechs Plattformen in praxisnahen Szenarien geprüft.
Proxmox VE: Der Schweizer Taschenmesser für den Mittelstand
Keine Überraschung, aber eine Bestätigung: Proxmox Virtual Environment aus Wien bleibt die erste Adresse für die meisten Migrationen. Das Open-Source-System vereint KVM und LXC unter einer webbasierten Oberfläche, bringt ein integriertes Cluster-Management mit und unterstützt ZFS sowie Ceph nativ.
In unserem Testaufbau mit drei Knoten verlief das Aufsetzen eines Clusters in unter zwei Stunden. Der Migrationsassistent übernimmt konvertierte VMware-VMs zuverlässig, auch wenn größere Umgebungen eine sorgfältige Planung der Netzwerkkonfiguration verlangen. Wer Support braucht, kann Subscriptions ab rund 115 Euro pro CPU-Sockel und Jahr abschließen – ein Bruchteil dessen, was VMware-Lizenzen heute kosten. Der deutsche Anbieterstandort und deutschsprachige Dokumentation sind für viele Compliance-Abteilungen ein willkommener Nebeneffekt.
XCP-ng: Für Citrix-Nostalgiker die naheliegende Wahl
XCP-ng ist der freie Nachfolger der einstigen XenServer-Welt und punktet mit der Verwaltungsoberfläche Xen Orchestra. Wer vor Jahren mit Citrix-Xen-Umgebungen gearbeitet hat, findet sich hier schnell wieder.
In unseren Tests überzeugte die Live-Migration, die bei mehreren Dutzend paralleler VMs stabil lief. Kleiner Wermutstropfen: Das Ökosystem ist kleiner als bei Proxmox, was sich vor allem bei der Suche nach Freelancern und Vor-Ort-Support bemerkbar macht. Die Kosten für die Management-Appliance liegen bei wenigen hundert Euro jährlich – kalkulierbar, aber nicht gratis.
Harvester und die SUSE-Familie: Kubernetes als Fundament
Harvester von SUSE verfolgt einen anderen Ansatz: Hier wird die Virtualisierung direkt auf ein Kubernetes-Fundament gestellt. Für Teams, die ohnehin Container-Workloads fahren, verschwindet die Grenze zwischen VM und Pod.
Der Einstieg gestaltet sich technisch anspruchsvoller als bei Proxmox. Wer kein Kubernetes-Wissen im Haus hat, sollte Harvester allenfalls mit Begleitung eines Partners einführen. Dafür verspricht die Plattform eine Zukunftsfähigkeit, die klassische Hypervisoren nicht bieten können.
OpenStack: Macht, Flexibilität – und ein Preis
OpenStack bleibt das Schwergewicht unter den Open-Source-Alternativen. Telekom, Bundesbehörden und große Rechenzcentren setzen darauf. Für einen Mittelständler mit zwei Administratoren ist der Eigenbetrieb jedoch realistisch kaum zu stemmen: Der Setup-Aufwand für ein produktionsreifes Setup liegt in unserem Test bei mehreren Mannwochen.
Interessanter ist der Weg über gehostete OpenStack-Angebote deutscher Provider wie StackIT oder plusserver. Damit erhält man Souveränität und Skalierbarkeit, ohne den Betrieb selbst zu verantworten – ein Modell, das in regulierungsintensiven Branchen zunehmend Anhänger findet.
Versteckte Kosten: Was die Rechnung am Ende trägt
Unabhängig von der Plattform sollten drei Posten früh kalkuliert werden:
- Migrationsaufwand: Faustregel aus unseren Tests sind vier bis acht Stunden pro VM inklusive Testphase – bei mehreren hundert Maschinen kein Randposten.
- Schulung: Administratoren, die jahrelang vSphere bedient haben, brauchen zwei bis vier Wochen Einarbeitung, bis sie im Ernstfall souverän agieren.
- Backup- und Monitoring-Stack: Nicht jede bestehende Backup-Lösung unterstützt die neuen Hypervisoren. Lizenzkosten hieroft übersehen Entscheider im ersten Budgetentwurf.
Ein Fahrplan in drei Phasen
Unser Empfehlungsmuster für den Wechsel sieht so aus: In Phase eins (sechs Wochen) wird inventarisiert – welche VMs existieren, welche Abhängigkeiten bestehen, welche Lizenzen laufen wann aus. Phase zwei umfasst den Aufbau einer Testumgebung der favorisierten Plattform und die Migration unkritischer Systeme. Erst in Phase drei folgen produktionskritische Workloads, idealerweise begleitet von einem externen Partner für den Notfall.
Wer heute mit der Planung beginnt, kann die meisten VMware-Verträge planmäßig auslaufen lassen, ohne in teure Verlängerungsoptionen zu gedrängt zu werden. Der Wechsel ist machbar – vorausgesetzt, man beginnt jetzt.